Wie geht es Dir in diesen Tagen mit inneren und äußeren Räumen? Ist es nicht interessant, dass Nähe und Verbindung möglich ist, obwohl wir nicht auf dem Sofa, in der Kneipe oder auf der Tanzfläche zusammen kommen? Zumindest ist das meine Erfahrung, die ich in virtuellen Treffen mit meinem Chor, meinen Klienten, meiner Meditationsgruppe, und meiner Familie in den vergangenen Wochen mache. Nach anfänglichem Hadern mit virtueller Technik sind doch wunderbare Begegnungen zustande gekommen. Manche intensiver und tiefer als wir es bislang aus unserem Alltag kannten. Kann es sein, dass wir – gezwungen durch die Beschränkungen der äußeren Räume – auf einmal innerlich erfahren, dass Raum nicht durch Wände, Grenzen und andere Rahmungen definiert wird? Vielmehr entsteht gemeinsames Raumgefühl durch Präsenz! Wenn wir u. a. im virtuellen Raum der zoom-meetings beglückende Nähe und Kontakt erleben, dann doch, weil wir uns einlassen, ganz präsent sind – nicht nur besser zuhören, sondern auch unsere Einstimmung nutzen, und mit allen Sinnen gegenseitig anteilnehmen. Sicher – es kann eine unbeschreibliche Freude sein, einander zu berühren, sich in den Arm zu nehmen, beim Singen, Tanzen, Lachen, Raufen andere Menschen physisch zu spüren und darüber Verbindung zu erfahren. Und ich freue mich auf den Tag, an dem all das wieder möglich ist. Gleichzeitig habe ich die Hoffnung, dass sich diese Achtsamkeit hinüber rettet in die neue Zeit. Dass wir uns immer wieder einstimmen, ganz gegenwärtig werden, uns einlassen auf die Weite des inneren Raumes und spüren, dass wir über alle äußerlichen Grenzen hinweg verbunden sind. Das wir in unserem inneren Raum spüren, dass keine Religion, keine Landesgrenze, keine Gesinnung, keine Entfernung uns wirklich voneinander trennen kann. Der Dalai Lama hat schon vor einigen Jahren betont, dass die Menschen einen „Sense of Oneness“ entwickeln müssen, wenn sie weiter mit und auf diesem Planeten leben wollen. Dieses „gefühlte Wissen des Einsseins“ umfasst neben allen Menschen natürlich auch alle anderen Lebewesen: Pflanzen, Tiere, Ökosysteme. Dass alles Leben eins ist, ist keine auf den Buddhismus beschränkte Einsicht, und die COVID-19 Situation führt sie uns unabhängig von Religion und Spiritualität auf allen Ebenen vor Augen. Intellektuell wissen wir schon lange, dass der Lebensstil an einem Ende der Welt unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensbedingungen am anderen Ende der Welt hat. Doch in diesen Wochen dringt dieses Wissen tiefer in uns ein. Wir spüren es in jeder Zelle, wir spüren die Angst im Magen, die Wut im Bauch, die Sorgen in Schultern und Nacken, die Trauer in der Lunge, das Mitgefühl im Herzen und die Hoffnung spüren wir ebenfalls tief in unserem Körper. Dass keiner außerhalb dieser kollektiven Erfahrung steht wird zu verkörpertem Wissen. Das ist eine ungeheure Chance. Niemals war es leichter und naheliegender unser Bewusstsein für allumfassende Verbundenheit zu öffnen. Doch Achtung – uns auf diese Weise zu öffnen, kann uns auch überfluten und ohnmächtig fühlen lassen. Gute Verbindung mit sich selbst ist wichtig, um nicht fortgerissen zu werden und sich in der Weite des Raumes zu verlieren. Ich spüre wie wichtig es in diesen Tagen ist, gut für mich selbst zu sorgen. Ich arbeite zwar intensiv, aber ich achte auch viel mehr auf gute Pausen. Ich versuche einfach zu werden – mit einfacher Nahrung, mit einfachen Bewegungen, kein komplizierter Input für den Geist: Viel Stille, wenig Information! Mit einfachen und aufrichtigen Begegnungen: 1 persönliches Telefonat pro Tag, nur einmal pro Tag Whatsapp, Email etc. Ich schenke den kleinen Dingen Aufmerksamkeit und frage mich jeden Abend: wofür kann ich heute dankbar sein? Am Morgen frage ich mich: für wen kann ich heute da sein? Ich bin entschlossen, diese Zeit zu nutzen. Ich will zur Besinnung kommen und einfach werden – damit innerer Raum entsteht, in dem ich mich mit allem verbunden fühlen kann. Ich bin allen dankbar, denen ich auf diesem Weg begegne – unsere Begegnungen schenken mir Kraft und Zuversicht.