Ich bin so knallvergnügt erwacht, wie es Ringelnatz in seinem Gedicht „Morgenwonne“ beschreibt, und radle durch die kalte Morgenluft zum Markt. Nachdem ich meine Einkaufsliste abgearbeitet habe und meine Taschen voll sind, lockt mich das Kaffeemobil. Noch nie habe ich hier Halt gemacht. Ich bin nicht so vertraut mit der Coffee-To-Go-Kultur. Manchmal bilde ich mir ein, dass sei so, weil ich mich aus Gründen der Nachhaltigkeit an diesem Lifestyle nicht beteiligen möchte. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass ich es mir einfach nur nicht gönne. Egal wie es bisher war, heute bin ich entschlossen:

 

Die Kirchtreppe, gleich hinter dem Kaffeemobil wird schon von den ersten Sonnenstrahlen geküsst. Ja, dort will ich es mir bequem machen und ein wenig den Menschen beim Leben zu schauen. Ich amüsiere mich über mein Ansinnen, das ich eigentlich nur aus Urlauben kenne – sei es in Frankreich, Italien oder in der asiatischen Ferne: Menschen beim Alltagstreiben zuzuschauen, während man selbst nicht von diesem Treiben getrieben ist, ist ein Luxus, den ich mir hierzulande so gut wie nie gönne. Die Frau, die vor mir einen Cappuccino bestellt hat, fängt meinen vergnügten Blick ein und strahlt mich hinter ihrer Maske an. Ich bin weder verblüfft noch durchzuckt mich dieses Unsicherheitsgefühl, wenn man gegrüßt wird und die andere Person nicht gleich erkennt. Ich strahle einfach zurück, weil ich eben vergnügt bin. Einfach so. Nun wird aber sie von diesem Unsicherheitsgefühl durchzuckt und sie entschuldigt sich: „Ich kann Sie gar nicht einordnen…so mit Maske!“ „Oh, erwidere ich – das können Sie nicht, weil wir uns gar nicht kennen. Wir strahlen uns wohl einfach nur so an!“ Sie lacht und seufzt: „Ach, das ist ja schön.“ Und schon verabschieden wir uns wieder und wünschen uns einen schönen Tag.

 

Ich bestelle meinen Cappuccino und genieße es, dass der Kaffeemensch mit wunderbarem italienischem Akzent spricht. „Fumpf EUro zwanzisch“ verlangt er für mein Getränk plus Croissant. Auf der Sonnentreppe treffe ich die strahlende Frau wieder und nach einem kleinen Hin- und Hergeplänkel über das Wetter gestehen wir uns beide ein, dass es unser „erstes Mal“ ist – hier auf der Kirchtreppe, Novizen unter Markt-Barrista-Experten. Die Treppe bevölkert sich – zwar langsam, denn es ist früh und frisch – doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass hier in den nächsten Stunden eine kleine Oase der Leichtigkeit inmitten des ermattenden Corona-Alltages sein wird. Und dann fällt mein Blick auf einen Schriftzug, der mit Kreide auf den Bürgersteig am Fuße der Kirchtreppe gemalt wurde. Er ist genau so platziert, dass wirklich alle, die sich hier gemütlich niederlassen, ihn sehen und lesen müssen. Also ein Plakat – eine Botschaft. Geschrieben steht dort: „Nur eine kranke Gesellschaft testet gesunde Kinder!“. Ich schrecke zusammen.

 

Aus diesem Satz springt mich eine Aggression an, die mich in dieser entspannten Atmosphäre kalt erwischt. Sofort spannen sich all meine Muskeln an und mein Gehirn schaltet den Turbo ein. Es beschleunigt von null auf hundert in unter 2 Sekunden. Es rast und versucht sich zu diesem Satz zu positionieren. Ich spüre, wie mich das Tempo dazu bringen will, ein Urteil zu fällen: Stimmt oder Bullshit?!?!?!? Ich spüre die aufsteigende Unsicherheit angesichts des noch nicht gefundenen Urteils und das drängt mich, um so schneller zu Potte zu kommen: Los Anja – sag schon, was denkst Du? Haben die Recht oder Unrecht! Sag schon, das ist echt wichtig, hier musst du Farbe bekennen. JETZT!

Dann erinnere ich mich! Ich MUSS gar nichts, schon gar nicht, mich im wahrsten Sinne des Wortes, aus heiterem Himmel von ein paar Kreidestrichen auf dem Asphalt anbrüllen lassen. Ich entscheide mich, mir Zeit zu nehmen. Ich betrachte die farbigen Striche und lenke meine Aufmerksamkeit auf meine Atmung. Verbinde mich mit mir, meiner Lebendigkeit, meinem Dasein aus Fleisch und Blut, jetzt hier in der Sonne auf der Treppe, im Urlaub vor meiner Haustür. Langsam beruhigt sich auch mein Gehirn, es schaltet den Turbo runter. Die Gedanken werden weniger. Ich lande wieder in mir, in meinem Körper, in meiner Welt – bin nicht mehr außer mir. In meiner Welt lasse ich mich nun von der Kreidebotschaft berühren. Mein Herz öffnet sich für die Wut, die Empörung und ich spüre die Angst der Eltern um das Wohl ihrer Kinder. Da ist so viel Angst und Drang zu beschützen. Je mehr ich mein Herz dafür öffne, während ich meinen Atem spüre, desto mehr Mitgefühl steigt in mir auf. Für diese Eltern, die um die Zukunft ihrer Kinder bangen. Die Eltern, die sich wahrscheinlich Nichts sehnlicher wünschen, als dass ihre Kinder angstfrei und unbelastet mit ihren Gefährt*innen in der Schule und in den Kindergärten das Leben entdecken dürfen. Ja, das verstehe ich, das wünsche ich auch – ich wünsche von Herzen, dass Kinder und Eltern ohne Angst sein können. Und dann erkenne ich, dass das der Kern des Problems ist. Angst! Angst macht aus dem Testen eine Bedrohung. Ich weiß aus meiner Arbeit und persönlicher Erfahrung, dass Angst unseren Fokus einengt. Unter dem Einfluss von Angst geraten wir in einen Tunnel und leisten so Stigmatisierung und Ausgrenzung Vorschub. Angst zerrüttet unser Gefühl von Verbundenheit und führt häufig in die Isolation. Angst trennt und wiegelt auf.

 

Ich bin auf einmal sicher, dass nicht das Testen selbst ein Problem ist. Ich kann mir sogar vorstellen, dass Kinder am Testen mutig, spielerisch, mit Begeisterung teilnehmen würden, ohne belastende Folgen für ihre Kinderseele – wenn es keine Angst gäbe. Nicht bei den Eltern, nicht bei den Lehrer*innen, den Verwandten, Nachbarn. Wenn statt Angst Mitgefühl in unserer Mitte herrschen würde, könnten sich alle sicher fühlen, auch wenn sie sich Sorgen machen.

 

Oft ist die Rede vom Mitgefühl für jene, die ungeschützt und von Krankheit bedroht sind, dem Mitgefühl für jene, die den Kranken helfen und sich damit selbst großen Belastungen aussetzen. Aber wir brauchen auch Mitgefühl für jene, die Angst haben, dass Testen und andere Maßnahmen ihr Leben aus der Bahn werfen.

 

Wenn mehr Mitgefühl herrschen würde, könnten wir uns ruhig und offen, Schritt für Schritt durch die schwierige Situation bewegen. Rückschläge würden nicht zu Geringschätzigkeit und Beschimpfung führen, Unsicherheit nicht zu Unterstellung böser Absichten. Echtes Mitgefühl – aufrechtes Interesse und wohlwollende Zuwendung könnte die Angst in unserer Mitte beruhigen und würde uns nicht so sehr in Aufruhr versetzen. Angst und Aggression schalten in fast allen Menschen erst einmal den Turbo an und lassen Organismus und Denken aufbrausen. Doch rasend verlieren wir den Überblick, rasend laufen wir Gefahr aus der Kurve zu fliegen oder den richtigen Abzweig zu verpassen. Wenn wir unser volles menschliches Potenzial in dieser Krise nutzen wollen, dann müssen wir über unsere Instinktnatur hinauswachsen. Dann müssen wir nach der Stichflamme der Empörung Mittel und Wege finden, das Feuer einzuhegen: einander zuzuhören, zuzuwenden, Fehler und Schwächen einzugestehen, und miteinander Lösungen zu finden. Immer wieder neu, Tag für Tag, Tat für Tat, im Großen wie im Kleinen. Lassen wir nicht zu, dass die Stichflammen zu einer unkontrollierbaren Feuerwalze heranwachsen, die alles zerstört. Setzen wir unsere menschlichen Fähigkeiten ein, unsere Fähigkeit zu Differenzieren, zwischen Reflex und nachhaltigem Handeln zu unterscheiden. Wie das im Einzelnen aussehen kann, kann ich nicht sagen – jeder Moment, jede Stichflamme hat etwas ganz Eigenes. Mal gilt es, Ruhe zu bewahren, mal gilt es beherzt einzugreifen, vielleicht auch sich zu widersetzen.

 

Auch ich bin anfällig für Stichflammen. Wenn ich Nachrichten sehe, wenn ich Kreidebotschaften lese, wenn ich etwas sehe und höre, was absolut nicht in mein Wunschbild passt. Ich habe mehr und mehr gelernt, meinen inneren Stichflammen achtsam zu begegnen und versuche das nun auch auf der Kirchtreppe: Nachdem ich meinen Organismus beruhigt habe, versuche ich hinter den Worten, hinter der Aggression, hinter der Angst die Menschen wahrzunehmen – in ihrer Verletzlichkeit, Fehlbarkeit und Einzigartigkeit. Ich lasse mein Mitgefühl zu jedem Menschen wandern, der oder die mir spontan in den Sinn kommt. Zu den Eltern, die Angst um ihre Kinder haben; aber auch zu Politiker*innen und Beamt*innen, die versuchen das Richtige in einer komplexen Bedrohungslage zu entscheiden und manchmal daneben liegen; zu Menschen, die sich aus lauter Angst in Verschwörungstheorien und einer diffusen Sehnsucht nach politischem Umsturz flüchten. Ich richte mein Mitgefühl zu Menschen, die sich von ihrer Machtposition verführen lassen, selbstsüchtig und missbräuchlich zu handeln. Eine Weile sitze ich so da, und begegne innerlich einer Vielzahl von Menschen: Menschen, die ich kenne und Menschen, die ich nie getroffen habe. Menschen aus meiner näheren Umgebung und Menschen in anderen Erdteilen. Und in mir steigt ein unglaublich starkes Gefühl der Verbundenheit auf: Wir sitzen mit unserer Verletzlichkeit, Fehlbarkeit und Einzigartigkeit alle im selben Boot und werden das rettende Ufer nur gemeinsam erreichen. Allmählich verwandelt sich der Aufruhr in meinem Gehirn in Ruhe und Klarheit. Ich lasse meinen klaren, ruhigen Blick über den Markt schweifen – die Kreidestriche verlieren in der offenen Weite ihre scharfen Konturen und verwandeln sich in bunte Tupfer. Mit Blick auf das Ganze, erneuere ich meine Absicht, wo und wann immer ich kann, Angst in Wohlwollen und Zuwendung zu verwandeln. Mir immer wieder diese drei Fragen zu stellen: Meine Reaktion, meine Worte, mein Handeln –

 

  1. ist es nur für mich gut oder auch für andere?
  2. Ist es nur für bestimmte andere gut oder für alle?
  3. Ist es nur jetzt oder nachhaltig gut?

Diese Fragen helfen mir und zahlreichen anderen immer wieder bei der praktischen Anwendung von Mitgefühl im Alltag. Es stimmt mich zuversichtlich, dass mehr und mehr Menschen Mitgefühl, Wohlwollen und Güte zur Grundlage ihres Wirkens machen – in der Politik, Kultur, Medizin, Wirtschaft und vielen anderen Bereichen gesellschaftlichen Lebens. So kann sich diese Weltgemeinschaft von Krankheiten kurieren und zu einem lebendigen Miteinander finden. „Life begins where fear ends.“ (OSHO)

 

Dankbar, meiner eigenen Stichflamme begegnet und darüber in tiefe Verbindung mit der Welt gekommen zu sein, gehe ich beschwingt nach Hause und setze meine Morgenwonne à la Ringelnatz fort:

 

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.