Rettet den Wohlstand!

02. Mai 2016

Während wir mit aller Macht nach einem zuSTAND von WOHLsein streben, wird vielen immer unwohler. „Wohlstandsgesellschaft“ ist zu einem Schmähwort geworden und steht für Egoismus, Spaltung, soziale Kälte und eine gewisse Art von Dickfelligkeit. Der Eifer mit dem wir unsere Welt gestalten scheint blind zu sein für das, was Wohlstand fördert. Wenn wir eine echte Wohlstandsgesellschaft wollen, in der sich die Mehrheit wohl fühlt, müssen wir unseren Kurs ändern. Doch in welche Richtung? Der Dalai Lama hat zu Jahresbeginn gesagt, was Mysterien- und Weisheitsschulen seit vielen Tausend Jahren lehren: „Change starts indivdual“. Wollen wir die Welt verändern, müssen wir uns selbst ändern. Doch in welcher Weise? Gibt es nicht schon genug Druck auf das Individuum? Zeigen nicht steigende Zahlen psychischer und körperlicher Stresserkrankungen, dass die Leistungsschraube am Anschlag ist? Welche individuellen Veränderungen sind also sinnvoll, um mehr Wohl in uns und in die Welt zu bringen?

Richard Davidson, einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Emotionsforschung und Neurowissenschaft und in 2006 vom time magazine als einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt ernannt, ist der Sache nachgegangen. Er hat die traditionellen Weisheitslehren in moderne Wissenschaft übertragen. Dabei hat er vier neuronal nachweisbare Bestandteile für Well-Being – gefunden, die ich erläutern möchte:

  1. Aufmerksamkeit – also die Fähigkeit zu steuern, worauf sich die eigene Wahrnehmung richtet. Nichts Besonderes? Falsch, durchschnittlich 47 % unserer wachen Zeit sind wir innerlich abgelenkt und nicht bei den Dingen, die wir tun oder denken wollen. Bei Stress hat unser Organismus außerdem noch die Tendenz, sich stärker auf Negatives als auf Förderliches zu fokussieren. Je angespannter wir sind, desto mehr driftet unsere Aufmerksamkeit zu „Schlechtem“. Wer schon Mal versucht hat, ein Laster abzustellen, kennt das. Unter Druck sind wir stark rückfallgefährdet bzw. kriegen gar nicht erst den Dreh, uns von negativen Gewohnheiten abzuwenden. Verbesserte Aufmerksamkeitslenkung würde unseren Denk- und Handlungsspielraum zum Guten erweitern.
  2. Gutes Sehen Davidson nennt es Positive Outlook. Damit meint er die Fähigkeit Gutes wahr- und in sich aufzunehmen. Zum Beispiel in der Lage zu sein, das Menschliche und heile in einer anderen Person zu erkennen. Oder in der Lage zu sein, auch im Angesicht von Fremdem, Verstörendem, Beunruhigendem den Blick für das Gute nicht zu verlieren. Die Wahrnehmung bewusst auf Gelingendes, Nährendes und Förderliches zu richten hat eine beruhigende und vitalisierende Wirkung für Körper, Geist und Herz. Rick Hanson, Psychologe und Weggefährte von Davidson unterstreicht, dass die Fähigkeit Gutes wahrzunehmen, zu integrieren und als Ressource im Umgang mit schlechten Erfahrungen gezielt zu nutzen, der Schlüssel zu umfassender Heilung ist.
  3. Resilienz, damit ist die Geschwindigkeit gemeint, mit der sich ein Individuum geistig, körperlich und emotional von unangenehmen Erfahrungen erholt. Je besser diese spezifische Erholungsfähigkeit ist, desto besser sind Menschen für die Herausforderungen, Fallen und Rückschläge des Lebens gewappnet. Schließlich sind wir nicht davor gefeit, dass allerhand passiert. Es führt aber in einen Teufelskreis, wenn wir mit anhaltender Angst, Aggression oder Ohnmacht auf Dinge reagieren, die nicht rückgängig zu machen sind. Wollen wir unser volles Potenzial, unsere ganze Menschlichkeit nutzen, ist es entscheidend, nach Tiefschlägen zügig zu innerer Balance zurück zu finden.
  4. Großherzigkeit – Gemeint ist eine Herzensbewegung, eine liebevolle Zuwendung, die leicht fällt. Dazu ist es notwendig, dass wir uns öffnen und berühren lassen. Jedoch ohne uns vereinnahmen zu lassen, weder von heftigen Emotionen, noch von Gewissensbissen oder Pflichtgefühlen. Denn wenn wir uns vereinnahmen lassen, verlieren wir unsere Freiheit, fühlen uns schlecht und fangen instinktiv an zu kämpfen. Ohne es zu merken, geraten wir dann zwischen die Räder von Richtig und Falsch, Gut und Böse, werden parteiisch und befeuern Zerrissenheit statt Einklang, Feindschaft statt Freundschaft, Leid statt Wohlstand. Ein großes Herz, wendet sich zu, fühlt mit, schließt niemanden aus und bleibt frei.

Alle vier Komponenten wurzeln in neuronalen Schaltkreisen die formbar sind. Ihr systematisches Training führt zu Veränderungen im Gehirn, die das subjektive Wohlbefinden deutlich steigern. So ist Wohl-Sein weniger ein nebulöser Zustand, als eine individuelle Fähigkeit. Dieses Verständnis von Well-Being verhält sich analog zu traditionellen Konzepten der Achtsamkeitsmeditation. Durch eine entsprechende Praxis, findet der Mensch zu gesammelter Aufmerksamkeit, Gelassenheit im Umgang mit schwierigen Erfahrungen, er entwickelt einen Blick für das Gute und Förderliche sowie umfassendes Mitgefühl. Aus meiner persönlichen Praxis und durch meine Arbeit als Therapeutin weiß ich, dass diese Fähigkeiten miteinander „kommunizieren“. Wenn ein Bereich aktiviert wird, ziehen die anderen Bereiche früher oder später nach. So kann eine Herzensöffnung als natürliche Folge von Entspannung auftauchen. Die Kultivierung von Freundlichkeit kann uns auch geistig weicher, entspannter und flexibler machen. Entspannte Konzentration kann zu einem klaren Geist und neuen Einsichten führen. Jede der vier Komponenten kann als Türöffner für eine der anderen dienen. Insgesamt führt Achtsamkeit zu Einklang von Körper, Geist und Herz und weitet das Bewusstsein.

Anders als Intelligenz können wir Achtsamkeit nicht an Maschinen und Computerprogramme delegieren. Sie entfaltet sich im Individuum, auf subjektive Weise, zu eigener Zeit. Eine echte Wohlstandsgesellschaft wäre für mich eine Gesellschaft, in der viele Menschen einen eigenen Weg der Achtsamkeit praktizieren und mit klarem Geist und offenem Herzen in ihren Beziehungen, in ihrer Arbeit, in ihrem kulturellen und politischen Wirken präsent sind und damit zu einem zuSTAND des WOHLseins für alle beitragen.