Leben mit ohne Angst

31. Juli 2016

Immer mehr Menschen berichten mir, dass sie durch die Amoktaten und Terroranschläge der jüngsten Zeit verunsichert sind. Sie haben ein mulmiges Gefühl, zögern zu öffentlichen Veranstaltungen zu gehen, machen sich vermehrt Sorgen und begegnen Fremden mit Argwohn. Obwohl sie vom Verstand her wissen, dass die Gefahr durch einen Verkehrsunfall zu Tode zu kommen zig-fach größer ist, als Opfer einer schrecklichen Gewalttat zu werden, werden sie durch diffuse Angst in Stress versetzt. Angst ist evolutionär eigentlich ein kurzfristiges Phänomen. Es dient dazu konkrete Gefahren wahrzunehmen und spontane Schutzmaßnahmen für das eigene Überleben zu ergreifen. Wenn die Gefahr gebannt ist – Kampf, Flucht oder Totstellreflexe erfolgreich waren, löst sich das Angstgefühl auf, entspannt sich der Körper und findet zu seiner natürlichen Gelöstheit und Lebendigkeit zurück. Unaufgelöste Angst hält die Gefahrenabwehrprogramme in uns aktiv. Auch wenn wir uns gar nicht ängstlich fühlen, kann sich Angst als Stressmuster, wie ein Virus in unser Denken und Handeln einnisten. Dann verhindert sie unterschwellig, dass wir entspannt und offen auf die Welt schauen. Dass wir uns erholen und an dem erfreuen, was uns Gutes wiederfährt. Sie bewirkt, dass wir engstirnig sind, statt größere Zusammenhänge zu sehen. Schränkt unser menschliches Potenzial ein und hindert uns, Problemen kreativ, mitfühlend, kooperativ, mutig und zuversichtlich entgegenzutreten.

 

Gegen das Weltgeschehen können wir nicht spontan tätig werden. Zumindest nicht so, dass wir uns auf einen Schlag frei und sicher fühlen, wie es das Zebra nach gelungener Flucht vor dem Löwen empfindet. Dafür sind die Dinge zu komplex. Wenn wir aber zulassen, dass unser Denken von instinktiver, diffuser Angst gelenkt wird, verhalten wir uns auch entsprechend aggressiv oder teilnahmslos. Umgekehrt wird auch ein Schuh draus. Wenn wir bemerken, dass wir anhaltend schimpfen, hadern, unzufrieden sind, keine Perspektive haben, antriebslos sind, besorgt, misstrauisch und enttäuscht – sind das sichere Zeichen, dass wir in einer Angststress-Falle sitzen. Manchmal fehlt dann nicht mehr viel, um auf Demonstrationen, an der Wahlurne oder im Streit mit dem Nachbarn mal richtig Dampf abzulassen. In jedem von uns steckt ein potenzieller Amokläufer, der einen Befreiungsschlag gegen Kränkung, Enttäuschung, Angst und Wut sucht. Dies treibt die Spirale der Gewalt jedoch weiter an. Der einzige Ausweg aus diesem Teufelskreis ist Menschlichkeit: Zuwendung, Herzenswärme, Einfühlung, Offenheit und Achtung uns selbst und anderen gegenüber.

 

Wenn wir einen Beitrag zu mehr Frieden in der Welt leisten wollen, sollten wir in erster Linie unsere eigene chronische Angst beruhigen und automatisiertes Kampf-Flucht-Erstarrungsverhalten ablegen. Angststress ist ein physiologisches Phänomen. Er lässt sich nicht intellektuell durch Worte entkräften. Bei Kindern ist das gut zu sehen. Sie wollen nicht erklärt bekommen, dass es keine Gespenster gibt. Erst wenn wir sie in den Arm nehmen, sie unsere sanfte Stimme hören und durch unsere sichere Ausstrahlung spüren, dass alles in Ordnung ist, beruhigen sie sich und schlafen zufrieden ein. Angststress löst sich, wenn wir uns sicher, verbunden und zufrieden fühlen. Dazu müssen Körper und Geist in Einklang und zur Ruhe gebracht werden.

 

Friede beginnt damit, daß jeder von uns sich jeden Tag um seinen Körper und seinen Geist kümmert. Thich Nhat Hanh

 

Lass Dich gerne durch die folgenden Anregungen inspirieren. Das Augenmerk bei den Übungen liegt auf den Körperempfindungen. Wann immer du dich zusammenziehst oder anspannst, gib deinen Zellen die Erlaubnis ein wenig weicher zu werden und die Energie zu spüren die durch sie hindurch fließt. Versuche währenddessen etwas weniger zu denken und mehr zu spüren. Wenn sich Körper und Geist beruhigen finden wir auch Antworten auf die Herausforderungen in der Welt.

 

Übungen für Sicherheit

  • Stell Dich aufrecht hin, schließe die Augen und lenke Deine Aufmerksamkeit in die Füße. Spür den festen Boden. Pendle mit dem Oberkörper vor und zurück – erst mit großem Ausschlag, dann komm mit immer kleiner werdenden Bewegungen in Deiner gefühlten Mitte zur Ruhe. Nimm ein paar Atemzüge hier und dann lass Dich in gleicherweise von rechts nach links pendeln. Erst mit großen, dann mit immer kleiner werdenden Bewegungen, bis Du auch in dieser Richtung in Deiner gefühlten Mitte ankommst. Spür noch einmal den festen Boden unter Deinen Füßen, atme noch ein paar Mal durch, öffne dann allmählich wieder die Augen und beende damit die Übung.
  • Leg Dich auf den Rücken – am Boden oder im Bett. Erlaub Deinem Körpergewicht schwer in die Unterlage zu sinken. Nimm nun wahr – im ganzen Körper – wie Atemluft ein- und ausströmt. Lass Deinen Atem natürlich fließen, verändere ihn nicht. Nimm mit jedem Einatmen Deinen Körper wahr und lass mit jedem Ausatmen unnötige Anspannung los.

 

Übungen für Verbindung

  • Setz Dich aufrecht hin und gib Dir selbst eine Umarmung. Lass dabei eine Handfläche auf der Außenseite des gegenüberliegenden Oberarmes zu liegen kommen. Die andere Handfläche ruht kurz unter der gegenüberliegenden Achselhöhle. Variiere den Druck ganz nach Deinem Empfinden.
  • Partnerübung: Lass Dich von Deinem Partner oder Deiner Partnerin auf gute und sichere Art halten. Macht Euch einander klar, dass es sich um eine Übung und nicht um die übliche Kuschelei handelt. Vereinbart, dass Du ganz genau sagen darfst, wie der Kontakt sein soll und dass Du ihn jederzeit zu Deinen Gunsten modifizieren darfst. Stelle sicher, dass Dein Mann oder Deine Frau einverstanden ist und bereitwillig mitmacht. Sag ganz genau, wo die Hände Deines Partners ruhen sollen, wie stark oder schwach der Druck sein soll. Achtet darauf, ein klares Ende für diese Übung zu setzen. Ihr könnt auch einen Timer zu Hilfe nehmen. Wechselt die Rollen und tauscht euch über eure Erfahrungen aus, ohne zu analysieren oder zu bewerten.

 

Übungen für Zufriedenheit

  • Nimm Dir immer mal wieder Zeit still zu werden und nach Momenten Ausschau zu halten für die Du dankbar bist. Vielleicht kannst Du Dankbarkeit dafür empfinden, dass Du keinen Hunger leidest, dass Du eine feste, sichere Behausung, vielleicht sogar nette Nachbarn hast. Vielleicht kannst Du dankbar sein dafür, dass Deine Sinne funktionieren und Du den Baum vor Deinem Fenster sehen, vielleicht sogar riechen kannst. Wie fühlt es sich in deinem Inneren an, wenn du Dankbarkeit erlebst.
  • Beobachte außerdem wie gut Du Dankbarkeit und freundliche Zuwendung annehmen kannst. Hast Du die Tendenz Dankbarkeit abzuwehren, kommen Dir schnell Sätze über die Lippen wie „das war doch keine große Sache“? Übe dich darin Dankbarkeit, und Freundlichkeit die Dir von Anderen entgegengebracht werden, ganz und gar reinzunehmen. Fühle welche Zellen und Räume in Dir berührt werden. Erlaube Dir in diese Dankbarkeit hinein zu entspannen und Dich wie ein Schwamm mit ihr zu füllen. Wenn wir mit offenem Herzen „nehmen“ können, können wir ebenso freizügig „geben“.
  • Eine hilfreiche Bewegungsmeditation die das Geben und Nehmen von Dankbarkeit, Freude, Hingabe unterstützt ist die Nadabrahma Meditation von OSHO, in der die Arme ausgebreitet werden und eine gebende Geste und eine einsammelnde Geste mit einander verbunden werden. Diese von Musik begleitete Meditation ist als Tonträger und auch online erhältlich.