pulse of europe – seit dem 05. Februar stehen wir jeden Sonntag auf Kölns Domplätzen und machen sichtbar und hörbar, dass wir ein offenes, freies, gerechtes und friedliches Europa wollen und dazu neue Konzepte von der Politik fordern. Konzepte, die nationalistischer Propaganda die Luft nehmen und auch diejenigen Menschen wieder mit ins Boot holen, die sich aus Angst, Frust und Wut aus der demokratischen Gesellschaft zurück ziehen. Am Sonntag haben wir unseren Standpunkt einmal mehr mit einer bunten Aktion unter“mauert“. Wir habenden Roncalliplatz mit einer 40 m langen und 2,50 hohen Mauer aus Umzugskartons aufgeteilt. So dass die Menschen unmittelbar erlebt haben, was es heißt willkürlich getrennt zu werden, gegeneinander ausgespielt zu werden (in unserem Fall aber nur spielerisch) und nicht zu erfahren, was die andere Seite wirklich denkt und tut. Es war viel Spaß dabei, aber diese Aktion hat auch nachdenklich gestimmt.

 

In einer Besinnungspause spielte das großartige Jazz-Duo High&Low „imagine“ von John Lennon. Obwohl dieses Lied ein eindringlicher Friedensappell ist, führt er auch in die Irre: Denn er handelt von dem Traum, dass die Welt eines Tages eins sein wird. Das ist ungefähr genauso sinnfällig als würde man hoffen, dass die Erde keine Scheibe ist, von der man runterstürzen könnte.

 

Beides sind Tatsachen, die man nicht erst herbeisehnen muss. Die Erde ist keine Scheibe und die Welt ist bereits eins: Alles ist mit allem verbunden. Unsere Handlungen wirken sich auf das Leben von Pflanzen, Tieren und Abermillionen Menschen aus. Die Interdependenz oder totale Vernetzung ist keine Folge von Digitalisierung und Globalisierung. Durch sie werden unsere Verbindungen und Zwischenabhängigkeiten nur deutlicher erfahrbar. Ebenso wahr ist, dass es Vielfalt in dieser Einheit gibt. Wir Menschen unterscheiden uns durch unsere Herkunft, unsere Kultur und vor allen Dingen durch unsere Erfahrungen. Und jede und jeder von uns ist vollkommen einzigartig – hat es verdient, in ihrer oder seiner Einzigartigkeit erkannt zu werden. Unser Alltagsbewusstsein kommt mit dem Paradox gleichzeitiger Vielfalt und Einheit nicht immer klar. Wenn wir Differenzen sehen, verlieren wir oft aus dem Blick, dass wir dennoch in enger Beziehung zueinander stehen, und lassen außer Acht, dass wir im Kern vollkommen gleich sind: Jedes Lebewesen, strebt danach unversehrt in Frieden und Freiheit zu leben und hat das gleiche Recht dazu. Darin sind auch alle Menschen eins.

 

Manche Leute schlagen Strategien ein, die der Verbundenheit und Einheit schaden. Aber wer, wie sie versucht die Menschheit durch Mauern, Abschottung, durch rassistische, nationalistische, wirtschaftliche oder religiöse Diskrimminierungen zu scheiden – verhält sich höchstgradig realitätsfern, erliegt Allmachtfantasien und stellt sich gegen das Leben.

 

Wenn wir nicht wollen, dass diese Wahnvorstellungen weiter um sich greifen, müssen wir uns dafür einsetzen, dass Mauern in Köpfen und Herzen abgebaut werden, dass wir unsere Vielfalt und Einheit gleichermaßen Achten – im Alltag, in der Politik in der Kultur und allen anderen Lebensbereichen. Dazu müssen wir tätig werden. Wir müssen reden, aufeinander zugehen, Fragen stellen, Einladungen aussprechen, Unterstützung anbieten, Kritik üben, friedlichen Widerstand leisten. Wir müssen den Weg frei räumen für ein friedliches, gerechtes und freies Miteinander. Symbolisch haben wir dafür am Sonntag mit 2500 Demonstranten einen Anfang gemacht. Wir haben die Kartonmauer abgebaut und den Weg frei gemacht, um uns in einer Menschenkette wieder zu vereinen.

 

Ich hoffe, dass dieses Gruppenritual noch ein langes Echo in uns allen haben wird, so dass wir auch im Trubel des Alltages nicht so schnell außer Acht lassen, dass die Autofahrerin vor uns, der Mann an der Kasse, die Nachbarsfamilie, die Lehrer unserer Kinder und auch die Politiker Menschen sind. Nur wenn wir einander kennenlernen, uns gegenseitig fordern, einladen, befragen, unterstützen und vielleicht auch Mal gegenseitig in Ruhe lassen – können wir zusammen ein Leben in Frieden gestalten.