Mein Redebeitrag am offenen Mikrofon bei pulse of europe am 05.03.2017

Jeden Sonntag gehen in mehr als 25 deutschen Städten Menschen für ein offenes, demokratisches und reformierungsbereites Europa auf die Straße. Die Bewegung pulse of europe ist eine echte Bürgerbewgeung, die sich vor genommen hat – ihre Stimme nicht gegen sondern für etwas zu erheben. Es gibt keine Politprofis sondern ein offenes Mikrofon für alle. Ich habe mich dort vergangene Woche geäußert: 

Hallo, ich heiße Anja Siepmann. Als ich mich vor vier Wochen spontan dieser Bewegung anschloss, war ich begeistert aber auch ein wenig skeptisch: Ich fragte mich wie viele andere auch, wer hinter der Bewegung steckt und welche politischen Programme die Initiatoren und Initiatorinnen verfolgen? Doch bei pulse of europe gibt es kein politisches Programm – keine Position zur Flüchtlingspolitik, zur Umwelt oder Steuerpolitik.

Diese Leerstellen – das begriff ich schnell – sind wichtig, denn
hier geht es um etwas Wesentlicheres als ein politisches Programm.

Den Menschen von pulseofeurope – uns – geht es darum, die Voraussetzungen dafür zu wahren, dass freiheitliche, demokratische Politik überhaupt möglich ist.

Bei unserer Aktion vor drei Wochen, haben viele Menschen hier auf die blauen Zettel geschrieben, dass ihnen die europäische Union wichtig ist, weil sie sich Frieden, Freiheit und Demokratie wünschen. Mir geht es genauso.

Doch Demokratie, Frieden und Freiheit mögen feststehende Begriffe sein, fixierte Zustände sind sie keinesfalls. Demokratie, Frieden und Freiheit sind gesellschaftliche, politische und vor allen Dingen zwischenmenschliche Prozesse an denen jeder von uns unmittelbar und ständig beteiligt ist.

Manchen ist Paul Watzlawicks Satz vielleicht bekannt: Du kannst nicht nicht kommunizieren. Ich habe ihn für mich abgewandelt: Du kannst nicht nicht politisch sein.

Was wir tun oder lassen hat politische Folgen. Wenn ich ein freies, friedliches Leben in einer offenen Gesellschaft will, dann muss ich selbst zu Offenheit, Frieden und Freiheit in dieser Gemeinschaft beitragen und mich fragen:

Was kann ich tun? Was sollte ich unterlassen – anders machen? Meine Handlungen prägen meine Welt – auch meine politische Welt.

Wir Menschen können friedfertig und offen sein, wenn wir uns einigermaßen sicher und entspannt fühlen. Unsicherheit und Druck macht uns hart, misstrauisch. Wir fahren dann die Ellbogen aus und beißen uns an Problemen fest. Unter Stress lassen unsere menschlichen Fähigkeiten zu Weisheit, Kreativität und Mitgefühl dramatisch nach.

Gesellschaften bestehen aus Menschen. Daher tendieren auch sie unter Stress dazu ihre Kreativität und Flexibilität zu verlieren, hart und aggressiv zu werden. Unter Stress werden im Kleinen wie im Großen Überlebensprogramme von Angriff und Verteidigung aktiviert – so entstehen Mauern in Köpfen und an Landesgrenzen.

Wenn Menschen gewalttätig sind, wenn Menschen aus Ihrer Heimat fliehen oder ihrer politischen Heimat den Rücken kehren und zornig werden, wenn Menschen ideologisch eine Rolle rückwärts in die Vergangenheit machen, ist das ein Zeichen dafür, dass sie extrem unter Druck stehen und Angst haben.

Doch kein Mensch hat es verdient Angst zu haben. Noch weniger haben es Menschen verdient wegen ihrer Angst ignoriert, ausgelacht, beschimpft oder ausgenutzt zu werden. Verängstigte Menschen brauchen eine Atmosphäre von Sicherheit und Wohlwollen, um zur Besinnung zu kommen.

Unsere verunsicherte, aufgewühlte Welt braucht Menschen, die sich nicht von Wut und Angst anstecken lassen. Wir brauchen Menschen die, statt Dschungelkämpfe auszutragen, gelassen und kreativ dem friedlichen Miteinander dienen.

Daher sollte es uns hier nicht nur darum gehen Freiheit für Reise und Handel zu fordern, uns sollte es vor allem darum gehen Impulse für Gemeinschaft, Offenheit und Frieden zu setzen. Jede von uns kann – mit ein bisschen Zivilcourage – dazu beitragen: in der Familie, am Arbeitsplatz, beim Shoppen, im Straßenverkehr, in sozialen Netzwerken und natürlich auch im Rahmen von demokratischer Mitbestimmung.

Demokratie ist kein Gebilde das wir bejubeln, ignorieren oder ablehnen können. Demokratie ist eine Errungenschaft, etwas das im miteinander Ringen entsteht.

Lasst uns jeden Tag auf’s Neue um sie ringen – wie um eine Geliebte oder einen Geliebten sollten wir um sie werben, sie einladen und von unserer Liebe und unseren guten Absichten überzeugen. Mir macht es Mut, so viele Liebhaber der Demokratie hier zu treffen! Danke.

In mehr als 25 deutschen Städten finden jeden SONNTAG um 14:00 Uhr die Versammlungen dieser Bürgerbewegung statt. Kommt zahlreich und erlebt die Vielfalt und Inspiration der Menschen, die für Offenheit und Toleranz und Frieden eintreten.