Ohne Worte

21. September 2016

 

Erfahrungsbericht von der TTIP-Demonstration am 17. September 2016 in Hamburg. Als ich am Wochenende mit mehr als 50.000 Menschen in Hamburg gegen TTIP und CETA demonstrierte ist mir einmal mehr aufgefallen, dass Dafürsein leiser ist als Dagegensein.

 

Dem Streben nach Frieden und Wohlergehen in der Welt fehlten auf der Kundgebung die Worte. Hörbar waren dagegen diffamierende Slogans und aufwiegelnde Schlachtgesänge, die sich gegen „den Feind“ richteten: Aus dem Lautsprecherwagen des Hamburger Friedensforums dröhnte mir die Aufforderung entgegen Sigmar Gabriel „dicke Eier“ anzudichten und ihn als „Wirtschaftsfreier“ und „Verbrecher“ anzuklagen. Einen Hinweis darauf, wie diese Erniedrigung eines Menschen dem Frieden zuträglich sein würde, blieb der sogenannte Friedensaktivist hinter dem Mikrofon schuldig. Ich war erleichtert, als ich bemerkte, dass sich die Menschen um mich herum zu diesen plumpen Sprechangriffen nicht hinreißen ließen. Es schien ihnen unangenehm zu sein, solchen Gemeinheiten ihre Stimme zu geben. Statt dessen schritten sie voran. Manche waren in intensive Gespräche vertieft, andere genossen das Funkeln der Sonne auf der blauschimmernden Alster. Hier und da ein paar Trommeln, aber insgesamt glich der lange Zug der Demonstranten über weite Strecken eher einem Schweige- als einem Protestmarsch. Die Stille fand ich keineswegs bedrückend. Im Gegenteil sie schenkte Raum, mich in Ruhe umzuschauen – in Gesichter zu sehen und mit allen Sinnen wahrzunehmen, wer da mit mir auf dem Weg war. Ich sah alte Menschen, die kraftvoll einen Gehstock vor den anderen setzten und mich mit Ihrer liebenswürdigen und zugleich entschlossenen Art ansteckten. Ich sah Gruppen von Jugendlichen in denen einige modisch bewusst gekleidet waren, andere eher gegen den Strich gebürstet schienen. Zwischen ihnen war dennoch ein Band der Gemeinschaft zu spüren, eine fröhliche Innigkeit, wie es in meiner Jugend zwischen so genannten Poppern und Ökos undenkbar war. Das berührte mein Herz und stimmte mich zuversichtlich – eine vielfältige Gemeinschaft, die Brücken schlug zwischen verschiedenen Vorlieben, unterschiedlichen Geschlechtern und Kulturen und die sich gemeinsam für eine gesunde und vitale Zukunft aller Lebewesen stark machte. Ich sah kleine Kinder – die mit ihren Eltern fröhlich handbemalte Bettlaken schwenkten und die einfache Botschaft sangen: TTIP stopp – hop hop hop. Das wirkte keineswegs kindisch sondern wesentlich, klar und verständlich. Im Gegensatz zu dem Kriegsgeheul des Friedensforums stimmten hier Viele ein. Durch die auflodernden Sprechgesänge fühlte sich alsbald ein älterer Herr mit langem Bart und zahlreichen Stickern auf der Brust animiert die Menge zu „härteren“ Sprüchen anzustiften. Wieder ohne Erfolg – seine Worte wie „Politikverbrecher“, „Krieg dem Kapitalismus“ wurden nicht aufgegriffen und verhallten bald wieder. Für einen kurzen Moment wendete sich die Stimmung gegen den Herrn, da seine kämpferische Leidenschaft die Lieder der Kinder zum Verstummen gebracht hatte. Aber er wurde nicht abgestraft – jemand machte einen Scherz, lächelte ihn an und gemeinsam schritt man der Sonne entgegen. Obwohl sich die positiven Wünsche und Ziele für die die meisten Menschen hier her gekommen waren nicht so leicht in Worte und Sprechgesang verwandeln liessen, kam ihre Botschaft rüber: Wie sind viele, wir sind zwar verschieden, aber uns eint der Wille zu einem unbeschwerten fairen Miteinander in der Welt. Ein Beweis dafür, dass Worte in der menschlichen Kommunikation nur 7% ausmachen. Zu 33% verständigen wir uns über Stimme und Tonlage und zu 60% über die Körpersprache. Daran sollten wir uns immer wieder erinnern – ein freundlicher Blick, eine helfende Hand sagen mehr als 1000 Worte und der Ton macht die Musik! Wenn wir unser Herz öffnen und unser Körper die Verbindung mit allen Menschen, Tieren und der gesamten Welt spürt, finden wir vielleicht auch friedenstiftende, statt gewaltverschärfende Worte.